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07.02.2020

Knietief in deutscher Romantik

Robert Seidel wird für die Luminale 2020 die neu gestaltete Fassade des künftigen Deutschen Romantik Museums bespielen. Wir haben ihn während der Recherche für sein Projekt getroffen.

Robert Seidel © KC / Luminale 2020

War die blaue Blume eigentlich ein internationales Symbol? Wenige Meter Luftlinie vom Freien Deutschen Hochstift, wo sich jetzt das Goethe-Museum und auch das voraussichtlich im kommenden Jahr öffnende Deutsche Romantik-Museum befinden, werden Fragen wie diese erörtert. Der Leiter des Handschriftenarchivs und seine Mitarbeiterin erzählen von Notizen und Gedichten, die ihr Tagesgast gerade im Archiv begutachtet hat. Der eigene Bestand des Hauses, erklären die beiden, umfasst nahezu alle Nachlässe deutscher Romantiker mit Ausnahme von E.T.A. Hoffmann. Schrift und Text, Kalligrafiertes und Handgeschriebenes. Und auch viele gekritzelte und mehrfach durchgestrichene Zeilen finden sich im Archiv. Die interessieren Robert Seidel besonders.

Seidel ist studierter Biologe und inzwischen Vollzeit-Lichtkünstler. Über den Experimentalfilm fand er irgendwann zur Lichtkunst. Auf der Luminale 2020 wird er die neu gestaltete Fassade des künftigen Deutschen Romantik-Museums bespielen. Aktuell ist er für zwei Tage zur Recherche vor Ort in Frankfurt. Die Arbeit im Archiv eines noch nicht öffentlich zugänglichen Gebäudes gefällt ihm besonders. „Wenn das Museum geöffnet ist, wird es bestimmt sein.“ Bestimmt im Sinne von festgelegt: Nicht nur kuratiert und eingerichtet, sondern auch im öffentlichen Bewusstsein als Bild vorhanden. Aktuell befindet sich einiges noch in der Findungsphase – und das trifft ebenso auf den Künstler selbst zu, der von sich sagt, er wolle „das Haus selbst besser verstehen“ lernen. Seidel mag die Ungewissheit und ist gespannt, wie letztlich alles zusammenfinden wird.

Vor einigen Jahren hat Seidel eine Ausstellung für die Kunstsammlung Jena kuratiert, über die Schwarze Romantik in der Videokunst. Auch dies interessiert ihn am Projekt: „Romantik, das ist ja nicht nur der nette Abend mit einem Glas Wein.“ Die Romantik habe auch düstere Facetten, erklärt Seidel. Es sei eine Epoche gewesen, in der viele Dinge in Frage gestellt wurden und in der somit auch Angst und Individualität erwachten.

Seidel interessiert vor allem die Vergänglichkeit des Geschehens. Oder eventuell eher, wie sich diese Vergänglichkeit dann doch manifestieren kann „Ein Ereignis wie die Luminale findet ein Mal statt – es ist ein Ereignis, das dazu einlädt, Orte im Stadtraum immer wieder zu neu ‚besetzen‘.“ Gebäude, die man seit Kindheitstagen wie die eigene Westentasche kennt, würden, so Seidel, auf diese Weise „eine Verwandlung“ erfahren. Seine Lichtinstallationen erklärt er als Inszenierung, die nicht auf einer Bühne stattfindet, sondern im Stadtbild. Seine Aufgabe definiert er als Verschiebung, Neuerfindung, Neudefinition von Vorhandenem. Große Spektakel interessieren ihn nicht so sehr. Simulierte Gebäudeeinstürze und ähnliche Inszenierungen mit Eventcharakter wird man von ihm während der Luminale nicht sehen. Wohl aber Nebel, Sound und Fragmente aus den handgeschriebenen Stücken, die als solche für die Zuschauer*innen aber kaum noch erkennbar sein werden.

Jetzt muss der Künstler aber los. Die Mittagspause ist vorbei, zurück in den Archivkeller. Seidel produziert seine Lichtkunst nicht bis ins Letzte aus, um somit auch auf unvorhersehbare Faktoren wie beispielsweise das Wetter reagieren zu können. Welche Zusammenstellung verschiedener Fragmente und Komponenten es bei der Luminale im letzten Detail zu sehen werden gibt, bleibt also selbst für den Künstler ein wenig offen.

Robert Seidels Projekt für die Luminale 2020: Obsidian

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