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17.02.2020

Ein Besuch bei den tanzenden Schedim

Bald werden sie auf der Glasfassade des Ignatz Bubis-Gemeindezentrums tanzen, doch vorher müssen sie noch vor die Kamera: Wir haben Lukas Sünder und sein “Shedim-Ballett” bei den Aufnahmen begleitet.

Der Golem ist ein dem Menschen durchaus ähnlich sehendes Wesen, der komplett aus lebloser Materie besteht und der doch zum Leben erweckt wurde. Die berühmteste Version dürfte wohl der Prager Golem sein, den der damalige Rabbi Judah Loew ben Bezalel einer Legende nach aus dem Lehm und Matsch des Vltava-Flusses geformt haben soll. Aus heutiger Perspektive könnte man ihn womöglich auch als eine Art Symbolfigur jüdischen Empowerments interpretieren  – der Golem half schließlich, die Prager Juden vor antisemitischen Attacken und Pogromen zu beschützen.

Lukas Sünders Golem tanzt gerade auf der Bühne im Festsaal des Ignaz Bubis-Gemeindezentrums im Frankfurter Westend, und er hat dunkelrote Polster am Leib, die an Lehmklumpen erinnern sollen, dabei aber deutlich leichter sind. Schließlich müssen die Tänzer*innen, die den Golem verkörpern, voll bewegungsfähig bleiben. Im Hintergrund dröhnen die Beats von Baby of Control, einem Elektromusik-Kollektiv, mit dem Sünder und ehemalige Kommiliton*innen der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach regelmäßig auftreten. Heute werden die Aufnahmen gemacht, aus denen später die Bilder für die Videoprojektionen ausgewählt werden. Nach dem Golem ist die schöne, zugleich aber auch etwas unheimliche Lilith an der Reihe, die schon vor der Bühne auf ihren Einsatz wartet.

Nun gehören Golem und Lilith zu den bekannteren Figuren der jüdischen Mystik und Folklore. Zu Lukas Sünders „Shedim-Ballett“ gesellen sich aber noch vier weitere solcher Geistwesen – das Gros davon kaum oder nur mit der Materie befassten Menschen bekannt: Der Dämon Ketev Mereri zum Beispiel, vor dessen Doppelgesichtigkeit zwischen Sonne und Schatten in den alten Schriften gewarnt wird. Etwas bekannter, aber trotzdem nicht annähernd so berühmt wie der Golem dürfte Asmodäus sein, der auch in der christlichen sowie islamischen Tradition bekannt ist. Der Dibbuk hat es 1937 immerhin auf die Kinoleinwand geschafft, im gleichnamigen jiddischsprachigen Drama (Originalschreibweise: Der Dibuk bzw. Der Dybbuk) des polnischen Regisseurs Michał Waszyński. Lukas Sünder verweist auf die jüngere Filmgeschichte: Die Leichenbraut, ebenfalls ein Dämon der jüdischen Mystik, stand 2005 Patin für Regisseur Tim Burtons 2005 Fantasy-Protagonistin Emily.

Auch vielen Gemeindemitgliedern dürften einige der hier zitierten Wesen eher fremd sein. „Im jüdischen Alltag spielen die Schedim heute eigentlich keine große Rolle“, erklärt Daniela Lewin, die Kulturreferentin der Jüdischen Gemeinde. Deshalb, und weil es in Frankfurt und Rödelheim eine lange, bis ins Jahr 1703 zurückreichende, jiddisch-literarische Tradition solcher Geschichtssammlungen (Maassebuch) gibt, hat ihr der Vorschlag des Künstlers gefallen, einmal diesen Teil jüdischer Geschichte aufzugreifen – auf eine sehr zugängliche, zeitgemäße Weise. Lukas Sünder interessierte auch das ambivalente Wesen vieler Schedim. Einige gelten gleichzeitig als gut wie auch als böse, viele haben interessante und komplexe Eigenschaften. Für Sünder, der als Künstler oft Projekte für den öffentlichen Raum kreiert, ist es die zweite Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde. Für die aktuelle Luminale-Arbeit hat er jedem Wesen ein eigenes Kostüm auf den Leib geschneidert, was nicht immer ganz einfach war, schließlich besitzt zum Beispiel der Dibbuk streng genommen gar keine eigene Gestalt, sondern kann sich in immer wieder unterschiedliche Wesen verwandeln. „Atomlos“ nennt Sünder ihn.

Zu entdecken geben wird es das Ballett der sechs Schedim beziehungsweise Shedim während der Luminale-Tage mit Ausnahme des Schabbat, also am Donnerstag, Samstag und Sonntag. Aus den heute gefertigten Aufnahmen schneiden Sünder und Marco Russo, der heute hinter der Kamera steht, einen Video-Loop, bei dem die gesamte Glasfassade des Ignatz Bubis-Gemeindezentrums flackern wird. Text und Musik können die Besucher sich über Kopfhörer vortragen lassen.

Zum Luminale-Projekt von Lukas Sünder: Shedim-Ballett

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