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10.05.2019

Themenschwerpunkt 2020 „Digital Romantic“

Licht und Stadt sind die übergreifenden Themen der Biennale für Lichtkunst und Stadtgestaltung. 2020 bietet die Luminale mit dem Schwerpunkt „Digital Romantic“ einen weiteren Anknüpfungspunkt für künstlerische Arbeiten.

Die Gesellschaft im 18. Jahrhundert galt mit der beginnenden Industrialisierung als wissenschaftsorientiert und aufstrebend. Plötzlich wurde vieles konkreter, Phänomene konnten erklärt werden – doch die Rationalisierungs- und Normierungszwänge mündeten in einer „Entzauberung der Welt“, wie Max Weber notierte – und damit auch in ihrer Entpoetisierung. Eine Art Gegenbewegung hierzu bildete die Romantik: Ihre Vertreter stellten sich gegen pures Besitzstandsdenken, Gewinnstreben und kritiklose Fortschrittsgläubigkeit. Es war der Anbruch einer neuen Epoche, in der Wissenschaft und Künste, Philosophie und Poesie sich durchdrangen, wider die Herrschaft der Vernunft.

Auch heute keimt das Gefühl der Entzauberung wieder auf – die Quantifizierung des Lebens, einst als großes Versprechen gestartet, bereitete den Nährboden für einen grassierenden Analyse- und Optimierungswahn, Big Data und „neoliberalen“ Kapitalismus, der noch lange nicht seine volle Wirkmacht entfaltet hat. Ist eine neue Romantik die Antwort auf die Objektivierung des Menschen durch das Digitale, und kann das Digitale romantisch sein – oder die Romantik digital? Oder ist das Digitale nur mehr mediales Vehikel, Kommunikationskanal oder -instrument für einen romantischen Inhalt, sei es die Digitalisierung von Museumsbeständen oder die Digitalisierung romantischer Handlungen?

Über die Jahre ist aus der Romantik das Romantische geworden, mitunter als Unwort verunglimpft, das überbordende Gefühlsduseligkeit beschreibt. Dabei war sie, wie der Romantikforscher Rüdiger Safranski beschreibt, in Deutschland gediehen, um die Revolution in die Kultur zu tragen. „Es war die Fortsetzung der Revolution mit ästhetischen Mitteln“, gewissermaßen eine Lebensrevolution: Das Interesse an der Fremde, am Widerspruch und am Erhabenen, am Geheimnisvollen und Heimlichen, an einer spirituellen Befreiung des Geistes vom Körper. Auch heute sucht die Wissenschaft nach Wegen, Hirnströme zu deuten und Gedanken zu lesen; Algorithmen lernen, Gefühlsregungen zu entschlüsseln. Mit welchem Ziel?

Wo sind die Rückzugsorte der digitalen Generation, und was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Wo finden wir unsere Freiräume für Phantasie und Träume? Ist es eine Flucht aus der Realität oder die Erweiterung der Weltsicht? Wie stillen wir unsere Sehnsucht nach roher, ungefilterter Emotionalität; nach dem Maßlosen, Realitätsfernen, Abenteuerlichen? Wie gehen die vermeintlich gegensätzlichen Systeme des Digitalen und der Romantik zusammen? Mit seiner 0/1-Basis besitzt das Digitale eine augenscheinlich klare Struktur und basiert auf wohldefinierten Regeln und Codierungen, die wenig Deutungsspielraum und Unschärfe zulassen, und noch weniger für Empathie. Die Romantik lebt vom Ungreifbaren, Unfassbaren, Überwältigenden, die Grenzen des Verstandes Sprengendes. Sie beschreibt mit dem Erhabenen ein Gefühl, das zu groß ist, um vollständig erfasst werden kann (um dann aber, nach Kant, im Menschen das Bewusstsein der Überlegenheit als moralisches Wesen auszulösen).

Das führt zur Frage: Gibt es im Digitalen vielleicht doch etwas, das uns fasziniert, bei dem wir an die Grenzen unserer Vorstellung kommen und Kontrollverlust und Überwältigung fühlen? Ist dies vielleicht ein Gefühl, dass sich bei der aktuellen Auseinandersetzung um Deep Learning, KI und Avatare beschleicht? Welche Überraschungen erwarten uns noch in den digitalen Welten? Welches Risiko gehen wir mit dieser Entwicklung ein, wie wägen wir Risiken und Nutzen ab und wo kommt unsere Überlegenheit als moralische Wesen zum Tragen? Und – ist es nicht auch mitunter so, dass wir staunend vor scheinbar schier grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Welt stehen und in ihnen mitunter sogar den Heilsbringer einer besseren Welt sehen?

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